Donnerstag, 21. April 2011

Rundbrief Nummer 3


Túcume, den 07.04.2011


Liebe Familie,
liebe Freunde,
liebe Verwandte,
an alle Interessierten,

241 Tage oder 14.460 Stunden oder 347.040 Minuten.

ZEIT.

Zeit, um erstaunliche Dinge zu sehen.
Zeit, um eine andere Kultur zu erleben.
Zeit, um Menschen in mein Herz zu schließen.
Zeit, um Gefühle wie nie zuvor zu erleben.
Zeit, um sich anzustrengen und Dinge zu ändern.
Zeit, um ein Leben zu leben, auf das ich stolz sein kann.
Zeit, um Dinge schätzten zu lernen.
Zeit, um wahrzunehmen.
Zeit, um Menschen zu begegnen, die die Welt anders sehen als ich.
Zeit, um aus der Sichtweise der Anderen zu lernen.
Zeit, um dankbar zu sein.
Zeit, um in die Zukunft zu blicken.


Zeit, um erstaunliche Dinge zu sehen.


Paraglider beim Sonnenuntergang beobachten,
von Vögeln auf einer Insel von einem Boot auf einem Fluss bestaunen,
auf einem Pferd den ersten Anstieg zum Gletscher bewältigen,
mit Freunden an einer Oase mitten in der Wüste Spaß haben,
in einer Familie leben, die untereinander Quechua spricht,
nach einem Ausflug mit zwei Einheimischen Mädchen, die Haare mit der gefundenen Shampoopflanze waschen,
auf dem Titicacasee zwei Stunden im Regen auf einem kleinen Boot auf das nächst größere Schiff warten,
mit dem Gastbruder abends am Strand sitzen.

Perú – ein so vielfältiges und wunderschönes Land, das meine Mitvoluntarios Ani, Lulu, Maxim und mich auf unserer kleinen Abenteuerreise immer wieder ins Staunen gebracht hat. Da in den Monaten Januar und Februar in unseren Einsatzstellen Sommerferien waren, haben wir zusammen die Gelegenheit genutzt, Perú in all seinen Farben und Facetten besser kennen zu lernen.
Dank unserer Spanischkenntnisse war das intensive Kennen lernen gut möglich, hier und da sind wir immer wieder mit Einheimischen ins Gespräch gekommen. Ob bei kleinen Erkundungsspaziergängen durch die Ortschaften, abends in Familien am Küchentisch oder beim Ausgehen – es war sehr unterhaltsam, interessant und wertvoll.
Eines meiner persönlichen Highlights der Reise war, dass mein toller Gastbruder zur selben Zeit wie wir wegen seiner Arbeit im Norden war und wir uns somit abends am Strand treffen konnten, um die Zeit gemeinsam zu genieß en. Doch auch als es Ende Februar wieder in unsere peruanischen Heimaten zurückging, wurde mir bewusst, wie sehr mir die Landschaft um Túcume herum gefällt. Februar ist die Zeit, in der der Reis auf den großen Feldern wächst und alles grün ist. Zwischen den Feldern wachsen Bananen an ihren Stauden und an kleinen Flussufern gibt es schattige Plätzchen unter den Bambussträuchern. Es war ein toller Anblick, als ich Ende Februar, rechtzeitig zur so genannten „Ferria“ wieder in Túcume angekommen bin.

Zeit, um eine andere Kultur zu erleben.
Die „Ferra“ ist ein Kirchenfest, welches zu Ehren der Heiligen Jungfrau Maria (speziell von Túcume) gefeiert wird. Für die Túcumaner ist es das größte und zugleich bedeutendste Fest im Jahr. Über eine Woche war hier ein Riesentrubel. Die Statue der Maria war in der Kirche vorne aufgestellt und glänzte jeden Tag in einer anderen Tracht.
Doch warum gerade die Heilige Jungfrau Maria?
Zur Zeit, als die Spanier Perú eroberten, brachten sie den katholischen Glauben. Damals glaubten die Inkas an verschiedene Götter: an den Mondgott, den Gott der Erde und an den wichtigsten, den Sonnengott.
Eine Legende besagt, dass in Túcume, in der Nähe der Pyramiden, wo die Inkas wohnen, die Spanier mit den so genannten „Diablicos“ (Teufelchen) den Einheimischen Angst machen wollten. Sie haben sich also schwarz verkleidet, hatten Masken an und haben damit Schrecken unter dem Volk verbreitet.
Als die Spanier dann mit Bildern von Maria aufgetaucht sind, haben sich de „Teufelchen“ verzogen und waren friedlich. Daher kommt die Tradition, dass an den zahlreichen Prozessionen, die während der Ferria stattfinden, die verkleideten Teufelchen vor der Marienstatue zu traditioneller Musik tanzen.
An diesen Prozessionen haben immer zahlreiche Gläubige teilgenommen. Die Anfangs – und Schlussprozession waren die beiden längsten, die bis zur Distriktgrenze zwischen Túcume und Mochumi gingen.
Für die Schlussprozession haben die Jugendlichen der Pfarrei ein riesiges Tor aufgebaut. So waren wir Abende lang beschäftigt, das Tor herzurichten und zu schmücken. Kurz vor knapp wurde es tatsächlich fertig und die gesamte Nachbarschaft war beschäftigt, das Tor unter den Stromleitungen irgendwie aufzustellen. Das Ergebnis hat sich zeigen lassen.
Bei der Anfangsprozession sind wir bis zur Kapelle an der Distriktgrenze gelaufen, die Padre Alfredo extra für diesen Anlass errichten hat lassen. Dort wurden dann verschiedene Gaben an der Marienstatue dargeboten, wie zum Beispiel kleine Küken, Tauben und ein Entchen.

Zeit, um Menschen in mein Herz zu schließen.



Dieses Entchen machte sich nach der Prozession auf den Weg in sein neues zu Hause. In einem Moment stand ich noch da und hab die Tänze der Teufelchen bestaunt, als mir im nächsten Moment der Pfarrer jenes Entchen in die Hand gedrückt hat: „Schau mal, Kati nimm`s mit und pass drauf auf!“ So kam es, dass Moraima, Jimmy und ich seit jenem Tage ein Haustier in unserem Hinterhof haben. Mein Entchen ist mittlerweile vermutlich das Bekannteste in Túcume, da es sich schnell herumgesprochen hat, dass die „Kati als Vegetarierin“ eine Ente hat. Ganz oft werde ich darauf angesprochen, wie es dem Entchen geht und ob es schon dick genug ist, um „Arroz con pato“ (Reis mit Ente) daraus zu machen.
Auf jeden Fall beschert es uns immer ein Grund zum Lachen. Eines Tages war ich am Wochenende nicht zu Hause und gleich meinte das Entchen, dass es auf große Abenteuertour in unserem Wasserbehälter gehen müsse. Meine Gastmama hat mir lachend erzählt, dass sie das Entchen, welches schon ganz erschöpft war, um sieben Uhr morgens aus dem Wasser gefischt hat. – Seit dem meidet es das Wasser lieber.
Doch nicht nur die Entchengeschichtchen werde ich schrecklich vermissen, wenn ich tatsächlich in vier Monaten schon wieder zurück nach Deutschland gehe.
Meine Gastfamilie habe ich in der Zeit, mit der ich mit ihr lebe, ganz feste in mein Herz geschlossen und diesen Platz werden sie dort auch immer haben.
Mein Gastbruder Jimmy schafft es immer, mich irgendwie zum Lachen zu bringen. So hat er die Angewohnheit, zu jeder Situation seine Liedchen zu erfinden. Egal, was ich im erzähle oder was ich tue, es kommen immer ein paar schiefe Töne von ihm, wie jetzt zum Beispiel: „Die Kati kann sich nicht konzentrieren, weil ich ein Liedchen singe, dabei singe ich doch nur, um sie zu inspirieren!“ Oder er fängt an, ein kleines Theaterstück zu improvisieren, dass es vor lauter Dramatik zum Bauch halten ist. Aber Jimmy ist bestimmt nicht nur ein kleiner Kasper. Jimmy ist wie ein großer Bruder für mich. Er hilft mir immer, wenn ich seine Hilfe brauche und hört mir immer zu, wenn ich ihn um seinen Rat bitte.
Auch in Sachen ärgern sind wir wie Geschwister und wenn Jimmy mal alleine loszieht machen Moraima und ich uns darüber lustig, dass er nur nicht mit seiner kleinen, peinlichen Schwester ausgehen wollte. Das lässt er dann aber nicht lange auf sich sitzen. Als er dann am nächsten Tag mit mir durch den Markt spaziert ist, hat er sich plötzlich bei mir eingehakt, die Nase in die Luft gestreckt und gemeint: „Du bist überhaupt nicht meine kleine, peinliche Schwester. Ich hab ne kleine, großartige Schwester!“
Seit meinem Einzug in meine peruanische Familie hat sich das Verhältnis zwischen meiner Gastmama und mir vor allem in den letzten zwei Monaten nochmals sehr verändert. Natürlich habe ich mich schon anfangs gut mit ihr verstanden, aber das Vertrauen zueinander ist mit der Zeit stark gewachsen. Ich rede gerne mit Moraima über die Dinge, die mich freuen, aber auch darüber, was mich beschäftigt und bewegt. Und auch sie kommt oftmals heim und fängt an zu erzählen, was passiert ist oder vertraut mir an, wenn es ihr nicht gut geht.
Abends sitzen wir dann oft gemeinsam im Wohnzimmer, schauen Perú`s bekannteste Telenovela „Al fondo hay sitio“ amüsieren uns darüber oder wir schauen zusammen einen Film an. Meistens endet es darin, dass wir auf dem Sofa einschlafen.
Das Allerschönste sind aber die gemeinsamen Essen, wo wir zusammen am Tisch stzen und es nur zu oft vorkommt, dass wir wegen einer Geschichte oder wegen eines Kommentares so lange lachen bis uns der Bauch weh tut.
Das sind nur ein paar der vielen Geschichten, die täglich passieren und sie sind der Grund, warum ich mich so geborgen und wohl in meiner peruanischen Gastfamilie fühle.

Zeit, um Gefuehle wie nie zuvor zu erleben.
Doch auch außerhalb meine peruanischen Familie habe ich Freundschaften geschlossen, die mir viel bedeuten.
Gerade haben die Vorbereitungen für die „1. Heilige Kommunion“ angefangen. In Túcume wird der Kommunionsunterricht von Jugendlichen aus der Pfarrei gemacht. Bis August werde ich einen Freund in eines der Caserios begleiten, um dort mit den Kindern die Themen zu erarbeiten. Gestern war unser erstes Treffen mit den Kindern und es war richtig schön. Da der Direktor uns den Schlüssel für das Klassenzimmer nicht hinterlegt hat, haben wir uns spontan in den Schatten der Bambusse und Bäume direkt am Fluss gesetzt. Dort haben wir mit den Kindern über die Osterwoche geredet, eine schöne Geschichte über Zusammenhalt und Freundschaft bearbeitet und am Schluss haben wir den Kindern „Fischer, welche Farbe weht heute?“ beigebracht. Es war ein ganz toller Mittag und die Kinder hatten viel Spaß dabei.



Zeit, um sich anzustrengen und Dinge zu ändern. Zeit um ein Leben zu leben, auf das ich stolz sein kann.

Die Kinder in den Caserios sind viel schüchterner und ruhiger, als die Kinder in der Schule in Túcume. Es ist sehr angenehm mit ihnen zu arbeiten. Seit Anfang März bin ich zwei Tage in der Woche in der Schule des Caserios „Zapotal“ um dort zu unterrichten. Mit den Erst – und Zweitklässlern mache ich Kunstunterricht und mit den Dritt- bis Sechstklässlern Englischunterricht. Ich fühle mich dort sehr gebraucht. In den insgesamt sechs Klassen gibt es nur drei Lehrer plus Direktor. Wenn ich dort bin zum Unterrichten, können die Lehrer zumindest die fünfte und die sechste Klasse für eine Zeit getrennt unterrichten.
Aus dem Grund, dass in den Caserios Lehrermangel herrscht und somit die Unterrichtsbedingungen alles andere als gut sind, habe ich meine Arbeit in de Caserios auf vier Tage in der Woche erhöhen können. Ich werde in dem Caserio, wo ich auch die Kommunionsvorbereitung mache „San Bernhadino“, zwei weitere Tage Englisch unterrichten.


Zeit, um Dinge schätzen zu lernen.
Zeit um wahrzunehmen.
Lehrerin Rosa freut sich immer ganz besonders, wenn ich donnerstags morgens zu ihr in die Klasse komme und bringt für uns beide zur Pause immer einen Pfirsich und einen Apfel mit. In der Pause essen wir dann zusammen und wenn ich so im Schatten der Bäume stehe und das Colegio genauer anschaue, komme ich oft ins Grübeln.
Die Schule besteht aus sechs Klassenzimmern und der Direktorin. Vor den Klassenzimmern spielen die Kinder in der Pause zwischen den Bäumen. Die Schulen sind nicht nur wegen ihrer Ausstattung und den Arbeitsbedingungen total anders, wie z.B. in der Privatschule „Kinder San Pedro“, wo ich freitags arbeite, noch krasser zu den Schulen in Deutschland.
Auch die Aussichten und die Zukunft dieser Kinder wird zumindest für die große Mehrheit ganz anders aussehen.
Lehrer Lorenzo hat mir in einer Pause erzählt, dass nicht einmal die Hälfte der Schuler die Secundaria beenden. Was bedeutet, dass die Kinder nach der 6. Klasse ihren „Schulabschluss“ haben und danach den Eltern auf dem Feld arbeiten helfen. Diese Realität macht mich sehr, sehr traurig und ich fühle mich machtlos dagegen. Natürlich habe ich vorher gewusst, dass so viele Kinder schon viel zu früh die Schule abschließen oder noch schlimmer, gar nicht erst zur Schule gehen können. Ob das jetzt in Perú oder in einem anderen Land ist. Aber das direkt mitzuerleben, ist sehr schwer für mich, da es nicht irgendwelche Kinder sind, sondern Kinder, die ich kennen und schätzen gelernt habe.

Zeit, um dankbar zu sein.
Mir wird jeden Tag bewusst, wie gut ich es hatte und haben werde. Es ist einfach nicht selbstverständlich, eine Schule zu besuchen, die auch noch gut ausgestattet ist und wo in jedem Klassenzimmer ein Beamer hängt. Oder das Abitur zu machen. Oder nach meinem FSJ in de Uni gehen zu können, um zu studieren. Ich bin dankbar dafür.
Dankbar bin ich auch für dieses Jahr hier in Perú. Dass ich all´ diese Menschen, die mir hier mit der Zeit sehr, sehr wichtig geworden sind, kennen lernen darf.
Für all die Eindrücke und Erfahrungen, die ich täglich aufsauge und mache. Erfahrungen, die ich in einem „1 A – Klassenzimmer“ bestimmt nicht machen kann.
Dankbar bin ich auch für die Unterstützung von Mama und Papa, bei all´ dem was ich tue. Auch das ist nicht selbstverständlich. Danke!
Danke für das Vertrauen meiner Freunde. Ich freue mich sehr, dass ihr mich trotz großer Entfernung wissen lasst, was bei euch passiert.
Danke für de Postkarten, E – Mails und Briefe! Ich freue mich über jeden Einzelnen riesig!

Zeit, um in die Zukunft zu blicken.
Am Sonntag werden die Präsidentschaftswahlen in Perú stattfinden und die Politik wird mich auch im Juni nochmals begleiten. Da werden nämlich die Buergermeisterwahlen wiederholt.
Nächste Woche werde ich miterleben, wie Ostern in Perú gefeiert wird.
Außerdem freue ich mich auf meinen peruanischen 20. Geburtstag!
Im Juli folgt die Partnerschaftsaktion in Monsefú. – Deutsche und Peruanische Jugendliche arbeiten zusammen in einem Umweltprojekt.
Von alldem werde ich in meinem letzten Rundbrief genauer berichten.

Ich grüße euch alle ganz, ganz lieb!
UN ABRAZO FUERTE von eurer Kati.

P.S.: Wer Mails schicken möchte oder etwas ganz genau wissen will, kann mir wie immer gerne eine Mail schreiben: Katiinperu@yahoo.de
Lisa (Gast) - 27. Apr, 22:22

Der Text ist wirlich schön.
Und es ist wunderbar was du alles erlebst.
Auch ist es traurig zu hören, wie es den Kindern dort teilweise ergeht.
Mich freut es sehr,dass du dich dort so gut eingelebt hast und es dir gut gefällt. Ich hoffe du vermisst uns trotzdem ;)
Mir tut es leid, dass ich mich so selten melde..:/
Aber ich lese mir immer wieder gern deine Texte durch und schaue die Bilder an :)
Und hat dein Entchen eigentlich auch einen Namen?
Du kannst sicher mittlerweile fließend spanisch oder?
da bin ich ja fast neidisch :)
Aber ich freue mich auch schon,wenn du bald wieder da bist.

Machs gut liebe kathiiii
:*
deine lisa

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